Wie kann ich es schaffen?
Wooom!! Plötzlich schreckt Herrn Baum ein riesen Krach auf. Ihm bleibt fast das Herz stehen, sein ganzer Körper zittert, das Adrenalin ist bis in die Zehenspitzen geschossen. Er ist hellwach, seine ganze Aufmerksamkeit ist nach außen gerichtet, sein Blick geht ganz schnell im Zimmer herum und bleibt schließlich bei der Tür stehen. Was er erblickt zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht. Er sieht seine Enkelin Jasmin in der Tür stehen, ihr Körper bebt vor Freude und schon nimmt sie Anlauf auf ihren heißgeliebten Opa, rennt und springt schließlich in seine offenen Arme und gegenseitig drücken sie sich fest, voller Liebe, Freude dass sie einander wieder zu sehen.
„Hei Opa, wie geht´s dir denn? Ich bleib für ein paar Tage bei dir, wenn´s dir recht ist. Meine Mama muss leider schon wieder zu einem mehrtätigen Seminar, wo ich nicht mitkann.“ Dieses „leider schon wieder“ wird begleitet von einem Augenrollen und einem genervten Unterton. „Gott sei Dank bin ich bei dir ja auch sehr gerne, sodass ich es nicht ganz so schlimm finde, wenn die Mama wieder weg ist.“ Beendet Jasmin ihren Redeschwall „Ja, ich freue mich sehr, wenn du bei mir bist. Du weißt ja, dass du jederzeit herzlich willkommen bist.“ antwortet der Großvater spontan.
Nun kommt auch die Mutter, vollgepackt mit Spielzeug und Koffer: „Es tut mir leid, dass ich so ohne Voranmeldung bei dir reinplatze, aber der Termin ist auch für mich sehr kurzfristig gekommen und ich möchte ihn ungern absagen, denn er bessert mein Budget deutlich auf.“ „Ja, Ja ist schon gut! Wir haben es ja so vereinbart und ich freue mich auch sehr meine Enkelin wieder zu sehen.“ Mit einem freundlichen Blick zu Jasmin und ein liebevolles Herandrücken zeigt er seiner Tochter, dass es gut ist so wie es ist.
Lange nachdem seine Tochter gefahren war, machten es sich Opa und Enkelin im Garten in den Hängematten gemütlich. Der Garten Opa´s ganzer Stolz, mit seiner großen Vielfalt an Blumen, Sträuchern und Skulpturen. Zu jeder Skulptur kann er eine Geschichte erzählen. „Bitte Opa, erzähl mir die Geschichte dieser Skulptur nochmal“ Jasmin zeigt auf eine Skulptur, die aus vielerlei Materialien, Holz, Stein, Metall hergestellt ist und sehr mächtig, unstrukturiert und chaotisch wirkt.
Der Großvater schaut die Skulptur an und beginnt zu lächeln: „Ja, ich kann mich noch genau erinnern. Es war vor ca. 5 Jahren. Damals hatte ich alle Hände voll zu tun. Diese Zeit war auch geprägt von meinem übervollen Haus. Ich war ein Sammler der allerschlimmsten Sorte. Alles war mir wichtig, aus allem konnte ich noch etwas bauen oder es irgendwie noch verwenden. Auch glaubte ich damals noch, dass ich die Dinge, die noch in Ordnung sind auch behalten musste, weil es ja „schade“ drum ist. Nach diesem Motto habe ich die letzten 20 Jahre gelebt und gar nicht bemerkt wie es immer enger und enger bei mir wurde. Der Zufall ergab, dass ich an einem Workshop für „Entrümpeln“ teilnahm, eine sehr nette Freundin hatte mich gebeten, sie zu begleiten.
Ja, was soll ich dir sagen! In diesem Kurs ist etwas mit mir passiert. Wir sollten in Gedanken durch unseren Lebensraum spazieren, genau wahrnehmen was alles drin ist, die Menge, die Größe, welche Dinge es genau sind. Von Zimmer zu Zimmer ging ich damals und das erste Mal in meinem Leben habe ich mir meine Sachen ganz bewusst angeschaut und auch die Menge so deutlich gesehen, dass mir jetzt noch ganz übel davon wird. In diesem Moment habe ich mir fest vorgenommen, da was zu ändern.
Leichter gesagt als getan. Die ersten Wochen war ich nur in der Überforderung, ich war planlos, schlichtete die Sachen von einem Eck in das Andere. Wirklich weggebracht habe ich nichts. So beschloss ich mir diese Frau als Unterstützung zu holen und gut war es. Die ersten beiden Termine waren mehr als anstrengend für mich. Fragen über Fragen kamen auf mich zu. „Wann hast du das das letzte Mal benutzt? Wirst du das noch einmal verwenden? Woher ist dieses Teil? usw.“ Manchmal war ich total wütend auf diese Person, dann wiederum kamen mir fast die Tränen. Jedenfalls schaffte ich es schon in der ersten Begleitung einen großen Müllsack voll, wegzugeben.
Beim zweiten Termin war ich schon etwas mutiger und hatte auch mehr „Durchblick“ zumal ich ja in der Zwischenzeit fleißig trainiert habe, sodass ich schon einiges selber wegschaffen konnte.
Auf die Frage meiner Entrümpel-Begleiterin: „Wie es mir in den letzten beiden Wochen ergangen ist und was ich gut geschafft habe?“ stellte ich fest, dass einiges schon sehr leicht von der Hand ging, andere Sachen, wie zum Beispiel bei Bücher, hab ich noch ziemliche Probleme. Was ich noch feststellte war, dass ich mich leichter, freier zu fühlen begann. Ich nahm plötzlich Sachen in meiner Umgebung wahr, die ich verloren glaubte oder völlig vergessen hatte. Mein Coach war mit mir zufrieden.
Nach diesem Termin begann ich mit dieser Skulptur, sie sollte ein Symbol für meine ganz große Veränderung werden. Ich verleimte, schraubte, nagelte so viele verschiedene Materialien wie möglich zusammen. Sie soll mich an mein damaliges Chaos und damaligen Gefühlszustand erinnern.
Heute fühl ich mich zufrieden, entspannt und kann mein Leben in vollen Zügen genießen.“ Der Opa lächelt und hängt noch einige Zeit seinen Gedanken nach. Er hört kein Vogelgezwitscher, keine Grillen zirpen und auch nicht den leisen Wind der den Birkenblättern eine sanftes Rascheln entlockt.
„Und was hat sie genau bei dieser Entrümpelungs-Coach gemacht?“ durchbricht Jasmin die Stille.
Fortsetzung folgt …..
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