Die liebe Gewohnheit
„Mama!? Du bist schon wieder da? Was machst du schon wieder zu Hause?“ ruft Petra überrascht und irritiert gleichzeitig. Ihre Mutter hat doch gesagt, sie fährt für zwei bis drei Stunden ins Büro. „Heute ist nicht mein Tag.“ Antwortet sie nur knapp und etwas genervt „Es hat schon in der früh begonnen, nach dem Frühstück, bei der Frage: Was brauch ich alles mit? Denn ich wusste ja, dass wir mit dem Büro umgesiedelt sind. Ich habe wirklich „scharf“ nachgedacht, ob ich auch alles habe. Zuerst war es der USB, da bin ich ja noch zu Hause drauf gekommen, dass er fehlt. Im Auto sitzend fällt mir ein, die Projektmappe ist nicht mitgegangen. Ich war noch sehr ruhig, sage zu mir: „Gut das ich noch rechtzeitig drauf gekommen bin, ich hol sie noch schnell.“ „Du kannst dich erinnern?“ „Ja, Ja, ich hab dich kommen und wieder gehen hören und dachte mir schon, dass du etwas vergessen hast.“ Ihre Tochter nickend und zustimmend. „Zehn Minuten später sitze ich im Auto und fahre guter Dinge in Richtung Büro, überlege mir schon was ich alles machen werde. Also eh alles wie immer, Post und eMails bearbeiten, Buchhaltung usw. Und dann, ah super: Parkplatz vor der Tür, ich freue mich sehr und genau in diesem Augenblick schießt mir ein Gedanke in den Kopf – der Schlüssel – ich hab den Büroschlüssel vergessen. Ich war so sauer auf mich - Da renn ich schon dreimal zurück, weil ich immer irgendetwas vergesse und dann hab ich noch immer nicht alles dabei. Nach einigen Minuten „Kopfleere“ Gut! - das ist nicht mein Tag heute, jetzt fahre ich nach Hause und „Büro“ ist gestrichen. Ja, das ist der Grund warum ich schon wieder da bin, und ich hab keine Lust mehr noch einen dritten Anlauf zu nehmen. Dann muss die Arbeit eben bis morgen warten.“ Sie lässt sich mit einem tiefen Ausatmen ins Sofa fallen.
Petra steht da. Abwartend, ob noch was kommt. Sie kennt das ja schon von ihrer Mutter. In ihrem achtzehnjährigen Leben hat sie schon einige Verhaltensmuster ihrer Mutter wahrgenommen und „studiert“. Dieses gehört in die Kategorie „Gewohnheit“. Als Nebengeräusch zu ihren eigenen Gedanken hört sie ihre Mutter noch weiter nörgeln: „Ich fahre jetzt seit fünf Jahren immer denselben Weg ins Büro, brauche mich nie vorbereiten, weil ich so organisiert bin, dass alles vor Ort ist. Jetzt plötzlich muss ich an USB, Projektmappe und Schlüssel denken. Wenn ich nur diese eine Aufgabe hätte, wäre es sicher kein Problem, nur ich habe ja auch noch andere Dinge im Kopf, die auch meine Aufmerksamkeit benötigen. Jetzt werde ich es mir wohl merken, und meine Gewohnheiten neu justieren.“ „Gut! Mama, dann lass ich dich mal, wir sehen uns später.“ Petra lässt ihre Mutter „ausdampfen“ und macht sich wieder an ihre eigenen Studien. „Hoffentlich kopieren meine Spiegelneuronen, dieses Verhalten nicht!“
Die Mutter in ihrem Sofa sitzend spürt langsam, wie die Beruhigung und Entspannung in ihrem Körper einzieht: „Was mach ich denn nun mit dem „freien“ Tag?“ Sie schaut sich um, sieht die Sonne beim Fenster rein scheinen, schön, strahlend ist sie, ein Gefühl von Freude und Wohlfühlen steigt in ihr hoch. Einem inneren Impuls folgend, entscheidet sie sich für einen Waldspaziergang. Eine Stunde im Wald, die gute Luft riechen, den Stimmen des Waldes zuhören: „Ja das ist jetzt genau das Richtige für mich“ Körper und Geist reagieren mit Begeisterung und Motivation: „Genau und anschließend werde ich uns ein gutes Mittagessen machen und mit dieser Powerspritze werde ich in mein Atelier gehen und für meine kommende Ausstellung arbeiten. Bei passender Gelegenheit werde ich der Sache mit der Gewohnheit auch noch auf den Grund gehen. Wie es passieren kann, dass mich so eine kleine, ja eigentlich wirklich keine Veränderung in meinem Leben so aus der Bahn wirft, dass gleich ein halber Arbeitstag zum Schmeißen ist. Was ist denn, wenn wirklich eine große Veränderung passiert. Lieg ich dann drei Wochen flach? Das wären ja schöne Aussichten“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen