Donnerstag, 6. Oktober 2011

Alltags-Geschichten

    Keine Zeit
„Keine Zeit -  ist nur eine Ausrede!“ Herr  Müller brüllt diesen Satz ins Klassenzimmer. Sein ganzer Körper bebt, sein Gesicht ist rot angelaufen, seine Augen voller Zorn auf die Schüler gerichtet. Dem nicht genug. Die Predigt geht weiter: „Ich kann´s nicht mehr hören! Jedes Jahr das Gleiche! Immer wieder dieselben fadenscheinigen Ausreden!  Jetzt bin ich schon über 30 Jahre Lehrer an dieser Schule. Immer wieder derselbe Kreislauf – die Schüler kommen und haben keinen Tau – was jetzt ja auch nicht schlimm ist, dazu ist Schule ja da – sie lernen Lesen, Schreiben, Rechnen und gleichzeitig entwickeln sie auch Strategien: „Welche Ausrede passt am besten zu welchem Lehrer.“ Ich habe es satt! Ich könnt ein Buch darüber schreiben. Eines sage ich euch: „Wer mir noch einmal mit einer Ausrede kommt, der hat automatisch eine „Fünf“ im Zeugnis.“  Herrn Müller´s Predigt war zu Ende.
Wir Schüler saßen im Klassenzimmer. Mucksmäuschen still. Lautes Atmen war schon ein angsteinflößendes Geräusch, das jeder von uns tunlichst vermied.
Ich war einer von den 35 Schülern, die damals mit solchen Methoden unterrichtet wurden. Instinktiv spürte ich, großen Widerstand und gleichzeitig konnte ich zu diesem Menschen, der mir etwas beibringen sollte,  nicht mehr respektvoll aufschauen. 
                                                                 
Immer wieder ging ich zu dieser Zeit zu meinem Großvater, um ihn um Rat zu bitten oder mich einfach auszuheulen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich, auch wenn er sehr viel zu tun hatte, die Zeit mit mir und  war ihm wichtig. Er konnte so herrlich erklären, er konnte schwierige Themen, wie Physik in wundervolle, inspirierende Geschichten verpacken, so dass ich es bis heute noch weiß. Auch für persönliche Themen hatte er immer Geschichten parat.
Ich kann mich noch gut an die Geschichte erinnern, die er mir erzählte als ich ihm von der Standpauke unseres Lehrers Müller erzählte.

 Seine Geschichte: „Stell dir mal alles vor: Alles was dir wichtig ist: in deinem Leben, in der Schule usw. Gibt jeder Wichtigkeit eine passende Form, Farbe und Größe. Und nun stellst du dir vor, du nimmst sie als Begleiter mit zu Schule. Wie viele Begleiter hast du schon? Während du nachdenkst kann es sein, das noch weitere Begleiter dazu kommen. Stimmt´s?“ Ich nickte.
„Nun“ mein Großvater weiter: „Jetzt lassen wir die Wichtigkeiten mal handeln. Da sind Wichtigkeiten dabei, die in der Natur sein wollen, andere wollen lieber „chillen“ andere wollen etwas Essen, oder lieber Rad fahren. Jede Wichtigkeit ist sich selber sehr wichtig und möchte immer die Erste sein und um das zu erreichen wenden sie die unterschiedlichsten Strategien an. Indem sie laut schreien, weinen oder auch mit „psychologischer Kriegsführung“. Alle Mittel sind recht. Es würde ständig nur Chaos geben, wenn da nicht der „gute Geist“ für Ordnung sorgen würde. Der gute Geist ist zuständig dafür, dass alle Wichtigkeiten zur richtigen Zeit, am richtigen Ort ihre Aufgaben erfüllen dürfen. Welche Wichtigkeit also an die erste Stelle rücken darf. Manchmal ist eine Wichtigkeit länger auf Platz eins, manchmal auch recht kurz. Recht dynamisch soll es sein, denn das Leben ist auch dynamisch. Jede Wichtigkeit soll sich wohl fühlen und ihrer Bestimmung gemäß nützlich sein.  Immer wieder mal ruft der „Gute Geist“  die Wertigkeiten zusammen, zu einer Art „Konferenz“, um  klar zu kriegen, welche Wichtigkeiten da sind und auch den Nutzen hinterfragt der „Gute Geist“. So kommt es häufig vor, dass die eine oder andere Wichtigkeit ihren Dienst geleistet hat und in eine andere Welt geschickt werden kann, dort wo sie ihren Nutzen voll ausleben kann und Freude erleben kann. So ist der „Gute Geist“ immer damit beschäftigt, sich um seine „Schäfchen“ zu kümmern. Ihnen Struktur und Bewegung zu geben.“

Mein Großvater blieb noch einige Sekunden in seinen Gedanken und sagte dann zu mir: „Ja, so ist das mit den Wichtigkeiten und wenn euer Lehrer sagt: „Keine Zeit! - ist nur eine Ausrede“ so hat er insofern recht, weil  der Wert „Hausaufgaben“ bei den Schülern  nicht an erster oder an vorderer Stelle steht. Alles andere ist grad wichtiger, auch wenn der Verstand sagt: „Du solltest ….“. So gewinnt doch meistens das grad Wichtigste, was das auch immer ist.“

Wie immer nach solchen Gesprächen mit meinem Großvater, ging ich nachdenklich nach Hause. Oft verstand ich die Botschaft erst viel später. Dieses Mal war es mir klar. Er hatte wieder einmal recht. Ich werde zu Hause meine Wertehierarchie neu ordnen und auch meinen Schulkollegen werde ich diese Geschichte erzählen. Ich bin froh und dankbar, dass es meinen Großvater gab.

„Das war vor 35 Jahren. Heute sitze ich vor euch und kann auch euch die Geschichten meines Großvaters erzählen, wie vielen, vielen Schülern vor euch. Und das macht mich glücklich, froh und zufrieden, wenn ein Teil meines Großvaters in euren Geistern weiterleben kann und darf.“ Sagte der Lehrer zu seinen Schülern.

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