Samstag, 13. August 2011

Geschichten

Das freundliche Nein!

Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, toben in der Wohnung. So richtiges toben: mit schreien, quietschen, Türen schlagen, Sessel in den Weg werfen, lachen, in allen Variationen: vom spöttischen bis zum echten.

Plötzlich, wie aus dem Nichts steht die Mutter in der Tür, ganz ruhig in der Körperhaltung und auch ihr Gesicht wirkt ganz.  Der Junge, Thomas, bleibt abrupt stehen, zwei Sekunden später Luise, die ihren Lauf nicht mehr rechtzeitig stoppen kann und auf Thomas drauf klatscht. Beide schauen nun ihre Mutter fragend und  irritiert an. Die Mutter sagt: „Nein, mir wird es zu laut und zu wild, ich habe Sorge, dass etwas bei eurem Spiel kaputt geht. Jetzt ist es genug.“  Ganz freundlich, ruhig und doch ist in der Tonalität, wie sie es sagt, etwas Bestimmendes drin, das den Ernst der Lage deutlich macht. Die beiden hören auf.

Noch länger schwingt dieses „nein“ in den Ohren der Geschwister. Es ist ein nein, das die gleiche Schwingung hat wie: „Gut, dass du das gemacht hast. Oder: Kannst du mir bitte …. bringen.“
Es ist neu für die Beiden. Erst nachdem ihre Mutter ein Seminar für Kommunikation besucht hat, ist sie „so“ drauf. In diesem Punkt sind sich die Kinder einig: Seit diesem Seminar ist was anders mit ihrer Mutter und sie wissen noch nicht, wie und wo sie dieses „anders“ einordnen sollen.

Früher war alles klar. Wenn die Geschwister mal getobt hatten oder sich auch um etwas stritten. Hatte die Mutter sehr lautstark in Zimmer gebrüllt und die Kinder wussten, jetzt haben wir die Grenze erreicht.  Gleichzeitig konnten sie auch noch Beschwerden und Schuldzuweisungen loswerden, weil es ja immer die anderen sind, die Schuld sind. So lange bis die Mutter völlig entnervt das Zimmer verließ.

Luise jedenfalls ist neugierig geworden, warum dieses freundliche Nein so eine Wirkung hat und beginnt damit zu experimentieren, gleich in der Praxis. Als erste Testperson kommt nur Thomas in Frage, wer sonst.  In den nächsten Stunden ist Luise damit beschäftigt,  zu allem was er sagt und tut, mit nein zu antworten. Mal ein hartes, mal ein zorniges, sehr häufig dieses neue freundliche Nein. Schon bald kann sie die Qualität dieses freundlichen Neins spüren und die Wirkung auf das Gegenüber erkennen. Sie beschließt es noch weiter zu üben an anderen Testpersonen und Thomas ist „entlassen“.

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