Mittwoch, 3. August 2011

Geschichten: Geben und Nehmen, Teil I



„Hallo Susi, schön, dass wir uns hier wieder treffen. Ich freue mich jede Woche auf unser Frühstück. Es war wirklich eine tolle Idee von dir“  „Ja, ich freue mich auch sehr, dass wir es Woche um Woche schaffen uns zu treffen. Abseits vom allgemeinen Alltagsleben. Grüß dich liebe Karin! Wie geht´s dir denn? Alles im grünen Bereich?“  Susi umarmt Karin, wie immer bei ihren wöchentlichen Treffen.
Beide nehmen Platz, beim vorreservierten Platz, in einem seeeehr gemütlichen Altwiener Kaffeehaus. Die Kellnerin weiß schon Bescheid, es genügt lediglich ein leichtes Kopfnicken und das gewünschte wird sofort serviert. Im Raum selber ist es sehr ruhig, einzelne Gespräche anderer Gäste dringen nur ganz gedämpft zum Tisch der beiden.

„Na, was hat sich denn getan letzte Woche bei dir?“ Fragt Susi, während sie ihre Vollkornweckerl mit Butter bestreicht, um anschließend noch Schnittlauch drauf zu geben. Karin ist heute nicht so gut drauf wie gewohnt.  Sie wirkt nervös, etwas fahrig und unkonzentriert. Susi hat diese Veränderung schon wahrgenommen. Karin schien  schon auf die Frage bzw. auf die Gelegenheit gewartet zu haben, denn mit einem Wortschwall bricht es aus ihr heraus. „Susi!  Vorgestern eröffnet mir mein Mann, dass er „so“ nicht weitermachen möchte und er überlegt sich, wenn sich nichts ändert, auszuziehen. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Mir war überhaupt nicht klar, und ist es auch heute nicht, was ihn dazu veranlasst. Ich hatte immer den Eindruck es ist eh alles in Ordnung. Wir haben ein schönes Haus, zwei tolle Kinder, die berufliche Situation ist auch in Ordnung, deshalb überrascht es mich umso mehr, dass er plötzlich ausziehen will. Ich mach doch alles für die Familie. Ich koche, führe den Haushalt. Schaue, dass es der Familie an nichts fehlt. Gehe extra noch halbtags arbeiten, damit wir es finanziell noch leichter haben. Ich gebe alles!  Alles für die Familie.“  Die Tränen rollen ihr übers Gesicht.  „Was hab ich falsch gemacht? Hab ich was falsch gemacht? Was ist passiert? All diese Fragen schwirren in meinem Kopf herum.“ 
Susi ist ebenfalls betroffen. Wortlos sitzen beide einige Minuten, lassen die Stille auf sich wirken. „Phaa, Karin, jetzt bin ich platt. Das ist wirklich ein Botschaft, die mich ebenfalls erschüttert und weiß gar nicht was ich sagen soll. Wie ich dir helfen könnte, wenn du das möchtest.“  Beide sitzen wieder still. Für Karin wird die Situation insofern etwas leichter, weil sie mal drüber reden konnte. All die vielen Gedanken, die in den letzten beiden Tagen wirr in ihrem Kopf herumgeisterten und sie auch nachts nicht schlafen ließ.  Immer wieder sucht sie die Schuld bei ihr, dann wieder bei ihrem Mann. Letztendlich waren keine Antworten zu finden.
Nach einer fünfminütigen Pause sagt Susi: „Weißt du Karin, ich kann dir jetzt wirklich keinen Rat geben. Wenn ich jedoch auf meinen Impuls höre, wäre die Idee die, dass eventuell der Ausgleich von Geben und Nehmen etwas in Schieflage geraten ist. Du bist die Geberin, du tust alles für die Familie, kümmerst dich um den Haushalt, das Essen, die Kleider, gehst extra noch arbeiten.
In einem Seminar hab ich mal gehört, da ging es auch um Geben und Nehmen, dass der Ausgleich ein ganz wichtiger ist. Ist Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht geraten, dann muss einer das Feld räumen, meistens der Nehmer, weil er keine Chance mehr sieht je wieder einen guten Ausgleich bzw. die Waage ins richtige Lot bringen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen