Mittwoch, 31. August 2011

Alltags-Geschichten


Das hat so viel Geld gekostet!
Teil II
Tage später, nach diesem wunderbaren Erlebnis, der wunderbaren Erleichterung, beginnt für Frau Ludwig quasi ein neues Leben. Sie beginnt wieder am Leben teilzuhaben, d.h. sie hat wieder mehr Freude zu kochen, das Haus in Ordnung zu halten. Erst jetzt bemerkt sie, wie verwahrlost alles ist. Die Fenster sind seit Monaten nicht geputzt, auch in der Küche hat sich überall Schmutz angesammelt, den sie vorher einfach nicht gesehen hat – weggefiltert, würde ihre Freundin sagen. Sie also an Ordnung zu machen, Ordnung war für sie immer schon wichtig. Sie mag es, wenn jedes Ding auf seinem Platz ist, auch wenn hin und wieder mal alles durcheinander geraten darf. Immer wieder, während dieser Arbeiten, begegnen ihr Sachen vom Rudi, gleich gibt es ihr einen Stich in Herz. „Er ist nicht mehr da! Ich bin jetzt allein!“ die Tränen beginnen zu kullern, anders als im Garten. Viel leichter, viel ruhiger, wie ein langsames ruhiges Bächlein fließen sie die Wangen hinunter. Die großen Emotionen sind draußen. Sie lässt die Sachen ihres Ehemannes, da wo sie waren.

Einige Monate später, Frau Ludwig hat ihrem Leben eine neue Orientierung gegeben, sie hat gelernt mit dem großen Verlust umzugehen, hat „ihrem“ Rudi einen fixen Platz in ihrem Herzen gegeben, den Platz wo er immer präsent sein kann, immer wenn sie das möchte, kann sie ihn spüren.
Jedenfalls hat sie fast ihre alte Aktivität zurückbekommen. Besonders wichtig ist ihr der Austausch mit ihren Freundinnen und ihr neues Projekt, die Arbeit mit Kindern. „Kinder ins Leben begleiten“, hat sie es genannt. Es ist ein Projekt, das know how, Unterstützung und Beratung für Eltern, Lehrer, und auch Omas anbietet. Ganz locker, im Rahmen eines gemütlichen Zusammensein.

Einmal bei einem dieser Treffen, fragt sie die Nachbarin: „Was machst du eigentlich mit den Sachen  deines Mannes? Hast du sie schon weggegeben?“  Frau Ludwig fühlt in ihre alte Welt zurück gebiemt. Sie kann im ersten Moment gar nichts sagen. „Ja.. Nein… ich weiß nicht … Eigentlich sind alle noch da. Immer wieder nehm ich ein Stück in die Hand, um es wegzugeben, dann höre ich ihn sagen: „Das hat so viel Geld gekostet, das können wir nicht weggeben, es ist zu schade.“ Dann stell ich es wieder hin und lasse es. Ein Teil von mir will es weggeben, ein anderer Teil schreit: „Nein, du kannst doch Rudi seine Sachen nicht weg schmeißen!“. Das bringt mich immer wieder ins schwanken, schlussendlich entscheide ich mich die Dinge da zu lassen. Obwohl ich den Platz  schon gut brauchen könnte.“
Die Nachbarin fragt weiter: „Was könnte dir denn helfen?“  „Ach, ich weiß auch nicht, eine Erlaubnis vielleicht, dass ich es weggeben darf. Nur er ist ja nicht mehr da – und wenn er da wäre, gäbe er die Erlaubnis nie. Das ist ja der Grund warum wir so viel Sachen hier herum stehen haben. In den Keller mag ich erst  gar nicht gehen, der ist bis oben hin mit Holz, Werkzeug, Eisenstangen und viele Dinge mehr.  Nur ich kann´s einfach nicht, die Sachen rauszuschmeißen – ich komme mir wie eine Verräterin vor.“ antwortet Frau Ludwig etwas deprimiert. „Soll ich dir helfen?“ fragt die Nachbarin. „Ja, sehr gerne. …. Nur möchte ich vorher noch meinen inneren Zustand klar kriegen, dass es mir dann auch leicht fällt.“

Immer wieder beschäftigt Frau Ludwig der eine Gedanke: „Erlaubnis holen – wie soll denn das gehen?“  In einem langen inneren Dialog denkt sie die Fragen: „Wie soll das gehen? Was passiert, wenn ich es einfach mache? Kann ich mir eine Erlaubnis holen, oder brauche ich überhaupt eine Erlaubnis? Wo ist die rettende Idee?“  durch.
Sie geht ihren gewohnten Alltags-Tätigkeiten nach: Haus in Ordnung halten, Freunde treffen, Projektvorbereitungen. Plötzlich, schießt eine Idee, wie ein Blitz in ihren Kopf, ähnlich wie bei „Wickie und die starken Männer, wenn Wickie die zündende Idee gekommen ist: „Mein Rudi hat den fixen Platz in meinem Herzen, wo ich immer in Verbindung bin und bleiben kann. Die materiellen Sachen, sind nur der äußere Ausdruck für sein Erden-Dasein. Der Platz im Herzen braucht nichts Materielles.“  In ihrem ganzen Körper kann sie die Richtigkeit dieser Gedanken spüren. Es ist ein Gefühl der Befreiung und gleichzeitig eine noch tiefere, festere Verbindung zu ihrem verstorbenen Ehemann. „Ja, so mach ich das!“ sagt sie laut zu ihr selber.

Und wie es die Natur von Frau Ludwig ist, setzt sie gleich die ersten Taten, indem sie sich gleich einen Teil der Wohnung hernimmt, den Teil, wo sie sich schon seit längerem Platz wünscht. Sie inspiziert die Sachen: Da sind die Schallplatten von Rudi, er hat sie nie gespielt. Sie nimmt sie und gibt sie draußen im Vorzimmer in die vorbereitete Schachtel. Ein seltsames Gefühl. Es sind die ersten Dinge von Rudi, die sie weggibt. Sie muss sich hinsetzen, betrachtet den Platz, wo die Schallplatten standen – leer. Sie geht zu dem Platz in ihrem Herzen, der ihrem Mann gehört: „Ja, die Verbindung ist da, gut – es funktioniert.“ 
Das war bei den ersten Dingen so, nach ganz kurzer Zeit hat Frau Ludwig es geschafft, sich auch von dem Rest der Sachen, die ihrem Mann gehörten zu befreien. Anfangs ging es noch etwas holprig, doch irgendwann ging es ganz leicht, wohl auch deswegen, weil sie die Wirkung spürte. Sie hat mehr Platz, sie spürt eine Leichtigkeit, als ob ein riesiger Ballast von ihren Schulter abfallen würde. „Phuuuu!“ immer wieder atmet sie kräftig durch, auch in ihren Lungen scheint plötzlich mehr Platz zu sein.

Fortsetzung folgt ……

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